Gerhard Wenzel Berlin – Firmenchronik

1902

Artur Wenzel, Gründer der Gerhard Wenzel Tiefbauunternehmung GmbH & Co. KG

1902 ließ sich der damals 26-jährige Architekt Artur Wenzel in Berlin-Wilmersdorf als Bauunternehmer nieder. In wenigen Jahren entwickelte er sein Unternehmen zu einem Spezialbetrieb für Kabelleitungstiefbau. Als engagierter Unternehmer wirkte er ab 1913 ehrenamtlich im Stadtrat von Berlin-Wilmersdorf mit.

1915

Schon 1915 beschäftigte das Unternehmen etwa 250 Arbeitnehmer. Für den Hauptauftraggeber, die Elektrizitätswerke Süd-West, wurden fast sämtliche Licht- und Speisekabel verlegt. In den 30er-Jahren stieg die Mitarbeiterzahl auf über 400 an.

1937

Im April 1937 starb Artur Wenzel und hinterließ seinem 32-jährigen Sohn Gerhard die Firma. Im selben Jahr wurden die Elektrizitätswerke Süd-West von der Berliner Kraft- und Licht (BEWAG)-Aktiengesellschaft gekauft. Also arbeitete die Firma Gerhard Wenzel von nun an für die BEWAG.

1945

Die Geschäfte wurden bis in den 2. Weltkrieg fortgeführt. Gerhard Wenzel geriet in Gefangenschaft und kehrte im September 1945 zurück. Sofort bemühte er sich bei den Behörden um die Erlaubnis zur Fortführung seines Betriebes. Zum 1.12.1945 stellte er einen Bauleiter ein, der erst einmal die Aufgabe hatte, die nötigen Betriebsmittel zu beschaffen. Erste Aufträge wurden für den Magistrat der Stadt und die BEWAG übernommen.

 

Aufgrund der langjährigen Erfahrungen im Umgang mit stromführenden Leitungen wurde das Unternehmen bei entsprechenden Noteinsätzen (Störungen) ein wichtiger Partner der Stadt. Bereits im Februar 1946 wurden 17 Männer und 5 Frauen auf den Baustellen beschäftigt. Der Betriebssitz befand sich noch immer im Berliner Bezirk Wilmersdorf. Im Mai 1946 wurden die ersten beiden 4-Rad Lieferwagen Typ Heck 504 zum Stückpreis von 2.500 RM bestellt, einen Monat später schon der erste Pkw, ein 4-Sitzer 4 / 20 PS – Bonnabor.


Am 28.3.1950 wurde die Gerhard Wenzel Tiefbau-Unternehmung in das Handelsregister Berlin eingetragen. Doch das Interesse und persönliche Engagement von Gerhard Wenzel für das Unternehmen ließen bald nach, sodass sich erstmals ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten einstellten. Zusätzliches Kapital wurde benötigt. Mehrere Gesellschafter traten der Firma bei, die im Februar 1955 in die Gerhard Wenzel Tiefbauunternehmung Kommanditgesellschaft umgewandelt wurde. Als einer der persönlich haftenden Gesellschafter (Komplementär) übernahm der Kaufmann Walter Schmidt die Leitung des Unternehmens.

 

Herr Dr.-Ing. Alfred Millies trat als Kommanditist bei. Doch dadurch waren die Schwierigkeiten noch nicht aus der Welt geschafft und es gab weitere Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen des Unternehmens. Durch Ein- und wieder Austreten von verschiedenen Gesellschaftern und Wechsel von Komplementären wurde der Unternehmensanteil von Herrn Gerhard Wenzel immer geringer.

1958

Walter Ohm, Geschäftsführer der Gerhard Wenzel Tiefbauunternehmung GmbH & Co. KG

Das Jahr 1958 sollte die entscheidende Wende für das Unternehmen bringen: Am 1.1.1958 trat der Bauingenieur Walter Ohm im Alter von 35 Jahren in die Gesellschaft ein. Er wurde der Technische Leiter des Unternehmens und nach dem Tod von Walter Schmidt – noch im selben Jahr – zusätzlich Komplementär. Herr Gerhard Wenzel, der Sohn des Firmengründers, schied aus der Gesellschaft aus.


Walter Ohm nahm die Geschicke von Wenzel Tiefbau in beide Hände und führte das Unternehmen sicher aus der Krise heraus wieder zum Erfolg. Seine berufliche Erfahrung aus der vorherigen Tätigkeit bei der BEWAG kam dem Unternehmen sehr zugute. Er investierte in die Anschaffung von Fahrzeugen und Geräten und machte es dadurch möglich, im Notfall in kürzester Zeit zur Stelle zu sein, eine für den Energieversorger BEWAG genauso wichtige Voraussetzung für eine gute Partnerschaft wie die fachliche Kompetenz des Unternehmens. Bald kam das Stellen von Lichtmasten für die öffentliche Straßenbeleuchtung als weiterer Tätigkeitsbereich zum Kabelleitungstiefbau dazu.

Mitarbeiter der Gerhard Wenzel Tiefbauunternehmung GmbH & Co. KG verlegen Kabel um Straßenlaterne

Die hohe Leistungsfähigkeit ermöglichte es, auch auf Spezialgebieten erfolgreich zu arbeiten. So wurden z. B. Kabel auf Flugplätzen – auch unter Flugbetrieb – gelegt, es wurden Kabellegearbeiten an und auf Autobahnen durchgeführt, Wenzel Tiefbau entwickelte sich zum Spezialisten auch für das Stellen und Verkabeln von Masten für Lichtsignalanlagen (Verkehrsampeln). Und als in Berlin begonnen wurde, Zentralrechner zur Steuerung der Lichtsignalanlagen mithilfe von Induktionsschleifen in der Fahrbahn mit Daten über die Verkehrsdichte zu versorgen, war Wenzel Tiefbau auch dabei und entwickelte sich zum Spezialisten für das Herstellen von Induktionsschleifen. Man wirkte – in Zusammenarbeit mit der zuständigen Senatsbehörde und den Firmen Siemens und Debuschewitz – an der Weiterentwicklung und Verbreitung innovativer Techniken (spezielle Vergussmasse für die Fugen) mit.

1968

Nach 10 Jahren intensiver und erfolgreicher Arbeit nahm Walter Ohm 1968 wichtige Veränderungen vor: Die Gesellschaft wurde in eine GmbH & Co. KG umgewandelt, Gesellschafter blieben Walter Ohm, Dr. Millies und die Erbin nach Walter Schmidt. Der Betriebssitz wurde auf das neu erworbene Grundstück in Berlin-Zehlendorf verlagert und zur Verstärkung der Firmenleitung wurde der Bauingenieur Fritz Trautmann gewonnen.


Durch dessen Qualifikation konnte das Unternehmen als weiteres Standbein den Bereich Rohrleitungsbau gründen. Für die Berliner Wasserwerke wurden Arbeiten an Hausanschlussleitungen zur Frischwasserversorgung durchgeführt. Es kamen Aufträge zur Legung größerer Versorgungsleitungen für Wasser und Gas hinzu, da die Mitarbeiter fortlaufend auf den neuesten Stand der Technik geschult wurden. Schließlich erwarb Wenzel Tiefbau noch die Befähigung, Arbeiten an gasführenden Leitungen ausführen zu dürfen.

 

Drei Jahre später wurde der Ingenieur Rainer Heussner zur weiteren Verstärkung der Firmenleitung als Oberbauleiter eingestellt. Er und Herr Trautmann erhielten später Prokura und leiteten die Geschicke des Unternehmens gemeinsam mit Walter Ohm.

1984

1984 wurde der S-Bahnbetrieb in West-Berlin von der Reichsbahn auf die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) übertragen, nachdem zuvor bereits einige Strecken stillgelegt worden waren. Die alten, zum Teil sehr überholungsbedürftigen Anlagen mussten auf den neuesten Sicherheitsstandard gebracht werden. Dazu gehörten auch das Auswechseln und der Neubau der Kabelanlagen. Hier war wieder die Leistungsfähigkeit von Wenzel Tiefbau gefragt. Es wurden für die Bahn viele Kabelkanäle gebaut und Kabel gelegt – teilweise auch bei laufendem Bahnbetrieb.

 

Die gute Ertragslage hatte leider auch negative Begleiterscheinungen. Ende der 80er-Jahre wurde das Unternehmen stark erschüttert, als mehrere Mitarbeiter durch gezielte Veruntreuungen die Firma finanziell und immateriell stark schädigten. In dieser Phase holte Walter Ohm seinen in Mannheim arbeitenden Sohn Wolfgang als Geschäftsführer nach Berlin zurück. Mit Ausdauer, Zuversicht, neuem Führungspersonal und der Unterstützung der Belegschaft gelang es Wolfgang Ohm, die Geschäftsleitung neu zu ordnen und den Betrieb fortzuführen.

Anfang der 90er-Jahre

Bis zum Mauerfall arbeitete Wenzel Tiefbau nur in West-Berlin. Doch schon Anfang der 90er-Jahre wurden im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften zwei Großprojekte der Telekom in den neuen Bundesländern durchgeführt. Hier kam es darauf an, in kürzester Zeit ganze Regionen neu mit Telefonanschlüssen zu versorgen. Dann fusionierten die Versorgungsbetriebe der beiden Berliner Stadthälften jeweils miteinander: die BEWAG mit der EBAG und die BWB mit der WAB. Da die östlichen Versorgungsnetze eher saniert bzw. erneuert werden mussten, verlagerte sich jetzt der Schwerpunkt der Arbeiten dorthin. Das Tätigkeitsspektrum wurde durch weitere, neue Bereiche abgerundet: Bau von Drainagen und Entwässerungsanlagen.

Ende der 90er-Jahre

Die Krise, die seit der zweiten Hälfte der 90er-Jahre die Bauwirtschaft vor allem in den neuen Bundesländern und Berlin ergriff und dort zu Arbeitslosenzahlen von über 50 % und zu Zusammenbrüchen von vielen auch alteingesessenen, renommierten Baufirmen führte, ging auch an Wenzel Tiefbau nicht spurlos vorbei. Durch in den Jahren 1998 / 1999 durchgeführte Personalreduzierung, umfangreiche Sparmaßnahmen und nicht zuletzt, weil die Geschäftsleitung und alle Mitarbeiter zu spürbaren finanziellen Einbußen bereit waren, konnte der gefährdete Weiterbestand der Firma gesichert werden. Im Zuge der Neustrukturierung legte Walter Ohm 1999 nach mehr als vierzig Jahren die Geschäftsführung nieder und Herr Wolfgang Haase wurde als weiterer Geschäftsführer berufen. Ihm gelang es mit ungeheurem Einsatz und Geschick zusammen mit Wolfgang Ohm und allen Mitarbeitern, die Krise zu meistern.

 

Dieser gemeinsame Erfolg gibt uns allen die Zuversicht und Kraft, Wenzel Tiefbau in die gewiss nicht immer leichte Zukunft zu führen. Denn die Stärke von Wenzel Tiefbau lag und liegt noch heute in der Bewältigung auch von Kleinstaufträgen, was vielseitiges, flexibles Personal und eine moderne maschinelle Ausstattung erfordert.

 

Diese Firmenchronik ist teilweise 1998 im Buch „Berlin und seine alten Firmen – Unternehmen machen Geschichte“ im Verlag Pro Historia erschienen.